Baltes Herbert - Ein Modelfliegerleben
Ein Modellfliegerleben (von und mit Herbert Baltes)
1947 – 2004
(und kein Ende absehbar)
Im Frühjahr 1947, der schlimme Krieg war gerade zwei Jahre vorbei, da bot sich der Jugend in unserem Dorf eine neue Perspektive. In der kath. Jugend in Mönchengladbach-Hardt kam die Idee auf, mit Modellfliegerei die Freizeit zu gestalten. Alles was mit Fliegern zu tun hatte, war schon immer für mich interessant. Also war ich dabei. Fernsteuerungen gab es zu dieser Zeit noch nicht. Unsere Modelle waren also Freiflieger. Modellbaukästen gab es nicht. Zeichnungen konnte man kaufen. Als Material kamen Kieferleisten und Millimetersperrholz zum Einsatz. An diesem dünnen Sperrholz mangelte es des öfteren, es war selten zu bekommen. Balsaholz war für uns ein Fremdwort.
Die Bastelei begann dennoch und machte viel Spaß. Gebaut wurden kleinere Modelle, um in die Materie des Modellbaues einzusteigen. Nach den ersten Erfolgen kamen größere Modelle an die Reihe. Es wurden gebaut: der Kumulus, Hast, ETB 35 und andere. Als Bespannung gab es Bespannpapier, welches mittels Spannlack stabil und haltbar gemacht wurde. Unsere Modelle wurden mit einer Hochstartschnur auf Höhe gebracht. Manchmal flogen sie so gut, dass wir im Hardter Wald nach ihnen gesucht haben. In dieser Zeit wurde ich von einem Virus befallen und der hieß:
Modellbau.
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1948 begann ich eine Lehre als Schreiner, und die Material-Frage war leichter zu lösen. Leisten aus Kiefernholz konnte ich selbst schneiden, Rippen wurden aus Resten von Pappelfurnier, welches ich bei der Möbelfabrik Behrens in Hardt bekommen konnte, geschnitten.
Eines Tages sah ich unter unserer Korbgarnitur schöne lange Stränge aus Peddigrohr. Daraus konnte man schöne Flächenrandbogen machen. Still und heimlich wurden ein paar Stränge heraus geschnitten.
Als meine Mutter sich dann eines Tages in den Sessel setzte, fing dieser gewaltig an zu wackeln. Es gab ein fürchterliches Donnerwetter. Aber wie Mütter nun einmal sind, hat sie, als sie sah, wie glücklich der Sohn war, diesen Streich schnell verziehen.
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Nach der Lehrzeit ging unsere Gruppe langsam auseinander. Auch bei mir geriet der Modellbau leicht ins Abseits. Aber vergessen hatte ich ihn nie. Überall, wenn etwas in der Luft war, ging mein Kopf nach oben (auch heute noch)! Nach ein paar Jahren wechselte ich von der Schreinerei zur Berufsfeuerwehr der Stadt Mönchengladbach.
In der Bereitschaftszeit, samstags und sonntags, kam mir der Gedanke, doch wieder mit dem Bauen von Flugmodellen zu beginnen. Im Keller unseres Wachgebäudes richtete ich mir eine Ecke ein, wo ich arbeiten konnte.
Da kam ein Kollege mit dem Vorschlag, ein Modell zu bauen. Er würde die nötige Fernsteuerung dazu kaufen. Sofort war ich dazu bereit. Die Firma Graupner bot zu dieser Zeit einen Modellbaukasten an. Das Modell hatte den Namen CLOU. Der Bau wurde gleich begonnen. Der Erstflug war ein Fiasko. Mittels Hochstart sollte das Modell in die Höhe gebracht werden. Es ging gründlich daneben. Da der Kollege der Sponsor der Fernsteuerung war, hatte ich nicht den Mut zu sagen „Gib mir die Fernsteuerung!“. Natürlich dachte ich, da Modellfliegen mein Hobby war, ich hätte es besser machen können. Also war Reparieren angesagt. Nach dem zweiten Bruch hatte der Kollege die Lust verloren Ein begonnener Hausbau war für ihn wichtiger. Aus Mangel an Bargeld bat er mich, Schreinerarbeiten zu übernehmen. Als Gegenleistung wurde vereinbart, dass ich die Fernsteuerung bekam.
Damit war ich König, denn eine Fernsteuerung konnte ich mir zu dem Zeitpunkt nicht erlauben. Es war eine Tippanlage von der Firma Graupner. Nun konnte für mich der Modellbau richtig beginnen. Ich kaufte mir eine FOKA, angeblich ein Anfängermodell. Gut gebaut ging es ins Hehner Feld zum Erstflug. Ein Drama!
Ich hatte gedacht: „Herbert du kannst das!“
Nach zweimaligem Bruch habe ich die Geschichte mal überdacht. Am sauberem Bauen lag es nicht. Als Anfänger war die Sache mit dem Hochstartgummi ja auch nicht so einfach. Hilfe von anderen hatte ich nicht. Meine Gedanken sagten mir dann, ich muss noch mal ganz neu anfangen. Ich kaufte mir ein kleines Modell, den Filou, der nur ein Seitenruder hatte. Damit hatte ich die ersten Erfolge. Als ich damit einigermaßen zurecht kam, wurde ein Modell mit Seiten- und Höhenruder gebaut, ein Dandy. Danach folgte ein Amigo. Den konnte ich bald bei guten Wetterbedingungen in der Hand landen.
„So“ dachte ich, „jetzt noch mal die FOKA auf Vordermann gebracht.“ Und siehe da, sie flog. Es gab zu dieser Zeit sehr viel Bruch, denn die Fernsteuerungen waren noch nicht so ausgereift, wie das heute der Fall ist. Als Empfänger gab es einen sogenannten Pendler, der auch viele Störungen einfing. An Samstagen und Sonntagen, wenn ich dienstfrei hatte, wurden natürlich die Feldflieger im Winkelner Feld beobachtet und mit den Augen stibitzt. So hatte ich mir die Modellfliegerei mit einer Fernsteuerung selbst beigebracht, und durch Lesen einiger Fachbücher mein Wissen erweitert.
Da der Hochstart mit der Zeit zu mühsam war, wurde nach einem kleinen Motor gesucht, den ich als Aufsatz auf meine Segler bauen konnte. Das klappte auch gut, und es wurden schöne Flüge gemacht, da man jetzt eine gute Höhe erreichen konnte. Mancher Bruch kam trotzdem vor, aber der Virus hatte mich nun einmal gepackt. Die Kollegen auf der Feuerwehr fragten mich manchmal, ob ich auch immer einen Spaten zum Ausgraben mit hätte. Ich habe mich aber nicht entmutigen lassen und habe weiter geübt. Die Flüge wurden auch immer besser. Die Landungen konnten sich auch sehen lassen. Das Modell kam da runter, wo ich es haben wollte und war auch nach der „Landung“ weiter verwendbar.
Die FOKA wurde mein bestes Modell. Zum Üben des Modellfluges und vor allen Dingen des Landens war dieses Modell gut geeignet. Um noch mehr Leistung zu bekommen, habe ich neue Flächen gebaut. Die Rippen wurden einfach einen Zentimeter weiter auseinander gebaut, so ergab sich eine Spannweite von 3,10 m gegenüber 2,70 m des Baukastenmodells. Die Leistungssteigerung war deutlich.
1957 habe ich geheiratet. Meine Frau hat sehr viel Geduld mit einem vom Modellfliegervirus befallenen Mann gehabt. An vielen Sonntagen, wenn ich dienstfrei hatte, wurde irgendwo ein Modellflugplatz besucht. Es wurde zur Röhn oder zur Teck gefahren und in der Eifel mancher Hang ausprobiert. Dann kam eine kleine schöpferische Pause. Zwei Söhne wurden geboren und ein Haus gebaut.
Von da an war unser Auto, wenn es zu Modellflugplätzen ging, gut gefüllt, denn es mussten jetzt Kühltaschen, Windeln und Liegen mitgenommen werden. Auf einer dieser Touren kam ich dann zu dem Luftsportverein Brüggen – Schwalmtal und wurde Mitglied. Das Fluggelände war am Raderberg. Für meine Familie und für mich war das ein Glücksfall. Da ich auch des öfteren wochentags frei hatte und nur 15 min mit dem Auto zu fahren waren, hatten wir oft den ganzen Nachmittag das Gelände für uns alleine. Eine angrenzende, verwilderte, nicht mehr benutzte Sandgrube war ein herrlicher Abenteuerspielplatz für unsere heranwachsenden Jungen.
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Natürlich waren die Kinder immer einverstanden, wenn es zum Modellflugplatz ging. Da jetzt ein festes Gelände zum Fliegen vorhanden war, wurde der Bau weiterer Modelle geplant. Ich habe mir dann die nötigen Baupläne beschafft und ging ans Werk.
Und so wurden im Laufe der Jahre etliche Modelle gebaut. Es entstanden so eine ganze Menge schöner Flieger. Mit meinen Seglern fuhren wir häufig in die Eifel, wo ich einen Hang gefunden hatte. der für mich gut geeignet war.![]() |
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Natürlich ging nicht immer alles glatt. Manches Modell musste schon mal ins „Lazarett“. Einige flogen direkt in den Fliegerhimmel. Ich ließ mich nicht entmutigen, baute immer ein neues Modell und gewann dadurch mehr an Erfahrung mit Fernsteuermodellen.
Einmal gewann ich sogar einen ersten Platz bei einem Wettbewerb mit meiner FOKA. Es waren drei Min. Flugzeit gestattet und eine Landung in einem Kreis von 15 Metern. In der Mitte des Kreises war ein Luftballon befestigt. Am Wettbewerb waren mehrere Vereine der Umgebung beteiligt. Die Modelle wurden mittels Aufsatzmotor oder mit einer Hochstartleine auf Höhe gebracht. Da ich jetzt eine gute Startmöglichkeit hatte, wurde der Wunsch nach einem bodenstartfähigen Motormodell wach. Beinahe verfiel ich wieder in meinen Fehler, den ich zu Beginn meiner Fernsteuerfliegerei gemacht hatte. Ich baute Modelle, die für meine Fähigkeiten als Modellflieger, der bisher nur Segelflieger geflogen hatte, zu schnell waren. Es lag nicht an den Fliegern. Die schnellen Modelle habe ich dann verkauft und wieder klein angefangen. Mit der Zeit habe ich dann dazugelernt und konnte größere Modelle bauen und fliegen. An einem Sonntag war ich auf dem Flugplatz in Mönchengladbach. Eine startbereite Pa 18 stand am Fliegerheim und wartete auf einen Fluggast. Mit dem Piloten kam ich ins Gespräch und habe einen Gastflug mit ihm vereinbart. Mein ältester Sohn war mit dabei und sagte nach dem Flug, „Papa ich konnte den Wald von Amerika sehen“. Er war gerade 5 Jahre alt geworden. Von da an interessierten mich Piper-Flugzeuge. Es gab eine Firma, die bot einen Baukasten einer Pa 18 an. Das Modell war so schön geworden, es war in den Farben einer Burda-Piper, einer Flugstaffel des Burda Verlags, die in den sechziger Jahren durch Bannerflüge bekannt war, gespritzt. Die Spannweite betrug 1,80 m (Sowas galt damals als „Großmodell“) und es war mit einem 10 ccm-Motor ausgerüstet.
Fast 1 Jahr hat es gedauert, ehe ich den Mut hatte, dieses schöne Modell zu fliegen. An einem windstillen Tag dachte ich, „jetzt oder nie“. Nachdem der Motor richtig eingestellt war und rund lief, rollte ich zum Start. Der Start gelang und meine Piper zog zügig in den Himmel. Wunderbar! Ruhig und behäbig flog das Modell. Es waren kaum Trimmkorrekturen vorzunehmen. Nach ein paar Runden versuchte ich eine Landung. Einmal durchgestartet und noch mal angeflogen und die Landung gelang, ohne etwas zu beschädigen. Nun übte ich, bis ich meine Piper richtig im Griff hatte, so dass die Landungen kein Herzklopfen mehr auslösten. In einem Modellbauladen kam eines Tages die Rede auf Seglerschlepp und auf Anraten des Verkäufers fuhr ich zu einem Modellverein bei Kleinhau in der Eifel, wo viele Seglerschlepps gemacht wurden. Ein Vereinskamerad fuhr mit. Dort haben wir uns die Sache angesehen und waren der Meinung, das können wir auch. An der Piper wurde nun eine Schleppkupplung angebaut und es gelang ganz vorzüglich. Um Segler von 3,5 m Spannweite zu schleppen, war ein Motor von 10 ccm etwas schwach und ich baute einen Big Lift. Als Motor wurde ein 25 ccm Moki eingebaut. Im Bausatz waren keine Querruder vorgesehen, also baute ich die Flächen mit Querrudern. Darauf wollte ich beim Schleppen nicht verzichten. Nun war das Schleppen ein Vergnügen.
Mitte der 80er Jahre musste unser Modellplatz einer Autobahn weichen. Es war schade, weil ich dort so richtig Modellfliegen gelernt hatte. Es dauerte etwa 3 Jahre, bis neues Gelände gefunden wurde. Mit Genehmigung der Regierung in Düsseldorf konnte auf der Happelter Heide ein neuer Modellflugplatz angelegt werden. Durch fleißige Vereinsmitglieder haben wir ein hervorragendes Fluggelände geschaffen. Einige Zeit später konnten wir auch ein Vereinshaus mit einer Unterstellmöglichkeit für unseren Rasenmäher erstellen.
Eine ASW 22 der Firma Multiplex mit 4 m Spannweite habe ich gekauft und am Hang geflogen. Mehrere Modelle, eine Weihe und einen L-Spatz, habe ich gebaut. Mein Reiher flog am Hang ebenfalls ganz ordentlich.
Als nun unser neuer Platz fertig war, ging es mit der Motorfliegerei weiter. Da mir das Bauen immer Spass gemacht hat, habe ich im Laufe der Jahre viele Modelle nach Bauplänen gebaut. Es war natürlich viel Arbeit, da jedes Teil ausgeschnitten und verleimt werden musste.
Da mir das Schleppen von Segelfliegern der Vereinskameraden immer besser gelang, entschloss ich mich, ein gutes Schleppmodell zu bauen. Die Wahl fiel auf eine Pa 18 der Firma Toni Clark. Mein Big Lift war für die Segler, die immer größer wurden, nicht mehr das richtige Modell. Der neue Schlepper hatte eine Spannweite von 2,75 m und wurde mit einem ZG 38 bestückt. Benzinmotoren waren problemloser zu handhaben, sie waren in der Vergasereinstellung einfacher und liefen im Sommer und im Winter gleich gut. Es war ein herrliches Bild, wenn meine Piper mit einem 4 m-Segler in die Luft ging. Bei einem Lustflug, so nannten die Vereinskollegen einen Soloflug, wenn ich mit der Piper herum turnte, war ich wohl zu leichtsinnig und habe einen Absturz herbei geführt. Die schöne D-ELGC war nicht mehr zu reparieren.
Seit der Zeit warnen mich die Freunde immer, wenn ich einen Soloflug machte. Eine neue Piper wurde nun nach dem Bauplan von der ersten TC Piper gebaut. Alle Leisten, Beschläge und das Fahrwerk habe ich dann selbst hergestellt. Die Rippen wurden zwischen zwei 3 mm-Aluminiumschablonen im Block ausgeschnitten. Da ich ja immer etwas Gutes haben wollte - oder war es, weil die Segler immer größer wurden? - wurde die neue Piper mit einem ZG 45 ausgerüstet. Einen Schalldämpfer habe ich aus Campinggaskartuschen hartgelötet, mit Kupferrohrkrümmer wurde der Motoranschluss gemacht. Ich war begeistert von den Flugeigenschaften der neuen Piper. Auch der neue Motor lief problemlos. Im Winter, wenn Schnee lag und das Wetter gut war, wurden die Räder abmontiert und durch Kufen ersetzt. Es war wunderbar. Die vollkommen ebene Schneedecke ermöglichte ein hoppel-freies Starten und Landen. Ich musste den Motor im Leerlauf bis zum äußersten drosseln, sonst glitt der Flieger sehr weit auf der glatten Schneefläche. Es war wohl der harte Kern, der im Winter bei Minusgraden auf dem Modellplatz war. Zwischen den Flügen wurde sich in unserem Vereinshaus etwas aufgewärmt und natürlich gefachsimpelt. Unser Hobby war nun mal der Modellflug. Um noch eine größere Kraftreserve zu haben, kaufte ich einen ZG 62 und habe zu den Seglerpiloten gesagt: „Das ist der stärkste Motor.“ Jetzt konnte ich die größten Segler in unserem Verein hochziehen. Es waren mittlerweile Segler von 7 m Spannweite und einem Gewicht von 10 bis 12 kg von Vereinskollegen gebaut worden.
Mittlerweile war ich bei der Feuerwehr pensioniert worden und hatte mehr Zeit, meinem Hobby zu frönen. Es wurden weitere Modelle gebaut.
Wegen Platzmangel habe ich einige Modelle verkauft. In einem Fliegermagazin sah ich eines Tages eine Pa 25, die in Schweden als Schlepper für manntragende Segler benutzt wurde. Meine Baulust wurde wieder angestachelt. Es war ein sogenannter Agrarflieger. Kurzer Hand wurde ein neuer Rumpf konstruiert. Die Fläche, das Leitwerk und das Fahrwerk waren identisch mit der Pa 18. Die Streben und die Beschläge dafür mussten etwas geändert werden. Es wurde ein schönes Modell. Ausgerüstet mit Landescheinwerfer und Positionslichtern war es herrlich, in der Abenddämmerung zu fliegen und zu landen. Die Landungen waren fast immer gut, weil das Modell wie auf einem Luftkissen schwebte. Es lag wohl an der Tiefdeckerkonstruktion.
Und das ist sie!
Wenn der Reiher dann im Schlepp hinter meiner Piper auf Höhe gebracht wird, bin ich glücklich.
Euer Herbert





















